Home Random Page


CATEGORIES:

BiologyChemistryConstructionCultureEcologyEconomyElectronicsFinanceGeographyHistoryInformaticsLawMathematicsMechanicsMedicineOtherPedagogyPhilosophyPhysicsPolicyPsychologySociologySportTourism






SALON LOISITSCHEK«. 9 page

Wir gingen bereits die Stiegen hinab.

»Glauben Sie, daß es heutzutage noch Kabballsten gibt – daß überhaupt an der Kabbala etwas sein konnte?«, fragte ich, gespannt, was er wohl antworten würde, aber er schien nicht zugehört zu haben.

Ich wiederholte meine Frage.

Hastig lenkte er ab und deutete auf eine Tür des Treppenhauses, die aus Kistendeckeln zusammengenagelt war:

»Sie haben da neue Mitbewohner bekommen, eine zwar jüdische aber arme Familie: den meschuggenen Musikanten Nephtali Schaffranek mit Tochter, Schwiegersohn und Enkelkindern. Wenn's dunkel wird und er allein ist mit den kleinen Mädchen, kommt der Rappel über ihn: dann bindet er sie an den Daumen zusammen, damit sie ihm nicht davonlaufen, zwängt sie in einen alten Hühnerkäfig und unterweist sie im ›Gesang‹, wie er es nennt, damit sie später ihren Lebensunterhalt selbst erwerben können, – das heißt, er lehrt sie die verrücktesten Lieder, die es gibt, deutsche Texte, Bruchstücke, die er irgendwo aufgeschnappt hat und im Dämmer seines Seelenzustandes für – preußische Schlachthymnen oder dergleichen hält.«

Wirklich tönte da eine sonderbare Musik leise auf den Gang heraus. Ein Fiedelbogen kratzte fürchterlich hoch und immerwährend in ein und demselben Ton die Umrisse eines Gassenhauers, und zwei fadendünne Kinderstimmen sangen dazu:

»Frau Pick,

Frau Hock,

Frau Kle – pe – tarsch,

se stehen beirenond

und schmusen allerhond – –«

Es war wie Wahnwitz und Komik zugleich, und ich mußte wider Willen hellaut auflachen.

»Schwiegersohn Schaffranek – seine Frau verkauft auf dem Eiermarkt Gurkensaft gläschenweise an die Schuljugend – läuft den ganzen Tag in den Büros herum«, fuhr Charousek grimmig fort, »und erbettelt sich alte Briefmarken. Die sortiert er dann, und wenn er welche darunter findet, die zufällig nur am Rande gestempelt sind, so legt er sie aufeinander und schneidet sie durch. Die ungestempelten Hälften klebt er zusammen und verkauft sie als neu. Anfangs blühte das Geschäft und warf manchmal fast einen – Gulden im Tag ab, aber schließlich kamen die Prager jüdischen Großindustriellen dahinter – und machen es jetzt selber. Sie schöpfen den Rahm ab.«

»Würden Sie Not lindern, Charousek, wenn Sie überflüssiges Geld hätten?« fragte ich rasch. – Wir standen vor Hillels Tür und ich klopfte an.

»Halten Sie mich für so gemein, daß Sie glauben können, ich täte es nicht?«, fragte er verblüfft zurück.

Mirjams Schritte kamen näher, und ich wartete, bis sie die Klinke niederdrückte, dann schob ich ihm rasch die Banknote in die Tasche:

»Nein, Herr Charousek, ich halte Sie nicht dafür, aber mich müßten Sie für gemein halten, wenn ich's unterließe.«

Ehe er etwas erwidern konnte, hatte ich ihm die Hand geschüttelt und die Tür hinter mir zugezogen. Während mich Mirjam begrüßte, lauschte ich, was er tun würde.



Er blieb eine Weile stehen, dann schluchzte er leise auf und ging langsam mit suchendem Schritt die Treppe hinunter. Wie jemand, der sich am Geländer halten muß. – – –

Es war das erste Mal, daß ich Hillels Zimmer besuchte.

Es sah schmucklos aus wie ein Gefängnis. Der Boden peinlich sauber und mit weißem Sand bestreut. Nichts an Möbeln als zwei Stühle und ein Tisch und eine Kommode. Ein Holzpostament je links und rechts an den Wänden. – – –

Mirjam saß mir gegenüber am Fenster, und ich bossierte an meinem Modellierwachs.

»Muß man denn ein Gesicht vor sich haben, um die Ähnlichkeit zu treffen?«, fragte sie schüchtern und nur, um die Stille zu unterbrechen.

Wir wichen einander scheu mit den Blicken aus. Sie wußte nicht, wohin die Augen richten in ihrer Qual und Scham über die jammervolle Stube, und mir brannten die Wangen von innerem Vorwurf, daß ich mich nicht längst darum gekümmert hatte, wie sie und ihr Vater lebten.

Aber irgend etwas mußte ich doch antworten!

»Nicht so sehr, um die Ähnlichkeit zu treffen, als um zu vergleichen, ob man innerlich auch richtig gesehen hat«, – ich fühlte, noch während ich sprach, wie grundfalsch das alles war, was ich sagte.

Jahrelang hatte ich den irrigen Grundsatz der Maler, man müsse die äußere Natur studieren, um künstlerisch schaffen zu können, stumpfsinnig nachgebetet und befolgt; erst, seit Hillel mich in jener Nacht erweckt, war mir das innere Schauen aufgegangen: das wahre Sehenkönnen hinter geschlossenen Lidern, das sofort erlischt, wenn man die Augen aufschlägt, – die Gabe, die sie alle zu haben glauben und die doch unter Millionen keiner wirklich besitzt.

Wie konnte ich auch nur von der Möglichkeit sprechen, die unfehlbare Richtschnur der geistigen Vision an den groben Mitteln des Augenscheins nachmessen zu wollen!

Mirjam schien Ähnliches zu denken, nach dem Erstaunen in ihren Mienen zu schließen.

»Sie dürfen es nicht so wörtlich nehmen«, entschuldigte ich mich.

Voll Aufmerksamkeit sah sie zu, wie ich mit dem Griffel die Form vertiefte.

»Es muß unendlich schwer sein, alles dann haargenau auf Stein zu übertragen?«

»Das ist nur mechanische Arbeit. So ziemlich wenigstens.«

 

Pause.

 

»Darf ich die Gemme sehen, wenn sie fertig ist?« fragte sie.

»Sie ist doch für Sie bestimmt, Mirjam.«

»Nein, nein; das geht nicht, – – das – das – –«, – ich sah, wie ihre Hände nervös wurden.

»Nicht einmal diese Kleinigkeit wollen Sie von mir annehmen?«, unterbrach ich sie schnell, »ich wollte, ich dürfte mehr für Sie tun.«

Hastig wandte sie das Gesicht ab.

Was hatte ich da gesagt! Ich mußte sie aufs tiefste verletzt haben. Es hatte geklungen, als wollte ich auf ihre Armut anspielen.

Konnte ich es noch beschönigen? Wurde es dann nicht weit schlimmer?

Ich nahm einen Anlauf:

»Hören Sie mich ruhig an, Mirjam! Ich bitte Sie darum. – Ich schulde Ihrem Vater so unendlich viel, – Sie können das gar nicht ermessen – –«

Sie sah mich unsicher an; verstand offenbar nicht.

»–ja ja: unendlich viel. Mehr als mein Leben.«

»Weil er Ihnen damals beistand, als Sie ohnmächtig waren? Das war doch selbstverständlich.«

Ich fühlte: sie wußte nicht, welches Band mich mit ihrem Vater verknüpfte. Vorsichtig sondierte ich, wie weit ich gehen durfte, ohne zu verraten, was er ihr verschwieg.

»Weit höher als äußere Hilfe, dachte ich, ist die innere zu stellen. – Ich meine die, die aus dem geistigen Einfluß eines Menschen auf den andern überstrahlt. – Verstehen Sie, was ich damit sagen will, Mirjam? – Man kann jemand auch seelisch heilen, nicht nur körperlich, Mirjam.«

»Und das hat – –?«

»Ja, das hat Ihr Vater an mir getan!« – ich faßte sie an der Hand, – »begreifen Sie nicht, daß es mir da ein Herzenswunsch sein muß, wenn schon nicht ihm, so doch jemand, der ihm so nahesteht, wie Sie, irgendeine Freude zu bereiten? – Haben Sie nur ein ganz klein wenig Vertrauen zu mir! – Gibt's denn gar keinen Wunsch, den ich Ihnen erfüllen könnte?«

Sie schüttelte den Kopf: »Sie glauben, ich fühle mich unglücklich hier?«

»Gewiß nicht. Aber vielleicht haben Sie zuweilen Sorgen, die ich Ihnen abnehmen konnte? Sie sind verpflichtet – hören Sie! – verpflichtet, mich daran teilnehmen zu lassen! Warum leben Sie denn beide hier in der finstern traurigen Gasse, wenn Sie nicht müßten? Sie sind noch so jung, Mirjam, und – –«

»Sie leben doch selbst hier, Herr Pernath«, unterbrach sie mich lächelnd, »was fesselt Sie an das Haus?«

Ich stutzte. – Ja. Ja, das war richtig. Warum lebte ich eigentlich hier? Ich konnte es mir nicht erklären, was fesselt dich an das Haus? wiederholte ich mir geistesabwesend. Ich konnte keine Erklärung finden und vergaß einen Augenblick ganz, wo ich war. – Dann stand ich plötzlich entrückt irgendwo hoch oben – in einem Garten – roch den zauberhaften Duft von blühenden Holunderdolden, – sah herab auf die Stadt – – –

»Habe ich eine Wunde berührt? Hab' ich Ihnen weh getan?«, kam Mirjams Stimme von weit, weit her zu mir.

Sie hatte sich über mich gebeugt und sah mir ängstlich forschend ins Gesicht.

Ich mußte wohl lange starr dagesessen haben, daß sie so besorgt war.

Eine Weile schwankte es hin und her in mir, dann brach sich's plötzlich gewaltsam Bahn, überflutete mich, und ich schüttete Mirjam mein ganzes Herz aus.

Ich erzählte ihr, wie einem lieben, alten Freund, mit dem man sein ganzes Leben beisammen war und vor dem man kein Geheimnis hat, wie's um mich stand und auf welche Weise ich aus einer Erzählung Zwakhs erfahren hatte, daß ich in früheren Jahren wahnsinnig gewesen und der Erinnerung an meine Vergangenheit beraubt worden war, – wie in letzter Zeit Bilder in mir wach geworden, die in jenen Tagen wurzeln mußten, immer häufiger und häufiger, und daß ich vor dem Moment zitterte, wo mir alles offenbar werden und mich von neuem zerreißen würde.

Nur, was ich mit ihrem Vater in Zusammenhang bringen mußte: – meine Erlebnisse in den unterirdischen Gängen und all das übrige, verschwieg ich ihr.

Sie war dicht zu mir gerückt und hörte mit einer tiefen atemlosen Teilnahme zu, die mir unsäglich wohl tat.

Endlich hatte ich einen Menschen gefunden, mit dem ich mich aussprechen konnte, wenn mir meine geistige Einsamkeit zu schwer wurde. – Gewiß wohl: Hillel war ja noch da, aber für mich nur wie ein Wesen jenseits der Wolken, das kam und verschwand wie ein Licht, an das ich nicht herankonnte, wenn ich mich sehnte.

Ich sagte es ihr und sie verstand mich. Auch sie sah ihn so, trotzdem er ihr Vater war.

Er hing mit unendlicher Liebe an ihr und sie an ihm – »und doch bin ich wie durch eine Glaswand von ihm getrennt,« vertraute sie mir an, »die ich nicht durchbrechen kann. Solange ich denke, war es so. – Wenn ich ihn als Kind im Traum an meinem Bette stehen sah, immer trug er das Gewand des Hohenpriesters: die goldene Tafel des Moses mit den 12 Steinen darin auf der Brust, und blaue leuchtende Strahlen gingen von seinen Schläfen aus. – Ich glaube, seine Liebe ist von der Art, die übers Grab hinausgeht, und zu groß, als daß wir sie fassen könnten. – Das hat auch meine Mutter immer gesagt, wenn wir heimlich über ihn sprachen.« – – Sie schauderte plötzlich und zitterte am ganzen Leib. Ich wollte aufspringen, aber sie hielt mich zurück: »Seien Sie ruhig, es ist nichts. Bloß eine Erinnerung. Als meine Mutter starb – nur ich weiß, wie er sie geliebt hat, ich war damals noch ein kleines Mädchen, – glaubte ich vor Schmerz ersticken zu müssen, und ich lief zu ihm hin und krallte mich in seinen Rock und wollte aufschreien und konnte doch nicht, weil alles gelähmt war in mir – und – und da – – – – mir lauft's wieder eiskalt über den Rücken, wenn ich daran denke – sah er mich lächelnd an, küßte mich auf die Stirn und fuhr mir mit der Hand über die Augen. – – – – Und von dem Moment an bis heute war jedes Leid, daß ich meine Mutter verloren hatte, wie ausgetilgt in mir. Nicht eine Träne konnte ich vergießen, als sie begraben wurde; ich sah die Sonne als strahlende Hand Gottes am Himmel stehen und wunderte mich, warum die Menschen weinten. Mein Vater ging hinter dem Sarge her, neben mir, und wenn ich aufblickte, lächelte er jedesmal leise und ich fühlte, wie das Entsetzen durch die Menge fuhr, als sie es sahen.«

»Und sind Sie glücklich, Mirjam? Ganz glücklich? Liegt nicht zugleich etwas Furchtbares für Sie in dem Gedanken, ein Wesen zum Vater zu haben, das hinausgewachsen ist über alles Menschentum?«, fragte ich leise.

Mirjam schüttelte freudig den Kopf:

»Ich lebe wie in einem seligen Schlaf dahin. – Als Sie mich vorhin fragten, Herr Pernath, ob ich nicht Sorgen hätte und warum wir hier wohnten, mußte ich fast lachen. Ist denn die Natur schön? Nun ja, die Bäume sind grün und der Himmel ist blau, aber das alles kann ich mir viel schöner vorstellen, wenn ich die Augen schließe. Muß ich denn, um sie zu sehen, auf einer Wiese sitzen? – Und das bißchen Not und – und – und Hunger? Das wird tausendfach aufgewogen durch die Hoffnung und das Warten.«

»Das Warten?«, fragte ich erstaunt.

»Das Warten auf ein Wunder. Kennen Sie das nicht? Nein? Da sind Sie aber ein ganz, ganz armer Mensch. – Daß das so wenige kennen?! Sehen Sie, das ist auch der Grund, weshalb ich nie ausgehe und mit niemand verkehre. Ich hatte wohl früher ein paar Freundinnen – Jüdinnen natürlich, wie ich –, aber wir redeten immer aneinander vorbei; sie verstanden mich nicht und ich sie nicht. Wenn ich von Wundern sprach, glaubten sie anfangs, ich mache Spaß, und als sie merkten, wie ernst es mir war und daß ich auch unter Wundern nicht das verstand, was die Deutschen mit ihren Brillen so bezeichnen: das gesetzmäßige Wachsen des Grases und dergleichen, sondern eher das Gegenteil, – hätten sie mich am liebsten für verrückt gehalten, aber dagegen stand ihnen wieder im Wege, daß ich ziemlich gelenkig bin im Denken, hebräisch und aramäisch gelernt habe, die Targumim und Midraschim lesen kann, und was dergleichen Nebensächlichkeiten mehr sind. Schließlich fanden sie ein Wort, das überhaupt nichts mehr ausdrückt: sie nannten mich ›überspannt‹.

Wenn ich ihnen dann klarmachen wollte, daß das Bedeutsame – das Wesentliche – für mich in der Bibel und anderen heiligen Schriften das Wunder und bloß das Wunder sei und nicht Vorschriften über Moral und Ethik, die nur versteckte Wege sein können, um zum Wunder zu gelangen, – so wußten sie nur mit Gemeinplätzen zu erwidern, denn sie scheuten sich, offen einzugestehen, daß sie aus den Religionsschriften nur das glaubten, was ebensogut im bürgerlichen Gesetzbuch stehen könnte. Wenn sie das Wort ›Wunder‹ nur hörten, wurde ihnen schon unbehaglich. Sie verlören den Boden unter den Füßen, sagten sie.

Als ob es etwas Herrlicheres geben könnte, als den Boden unter den Füßen zu verlieren!

Die Welt ist dazu da, um von uns kaputt gedacht zu werden, hörte ich einmal meinen Vater sagen, – dann, dann erst fängt das Leben an. – Ich weiß nicht, was er mit dem ›Leben‹ meinte, aber ich fühle zuweilen, daß ich eines Tages so wie: ›erwachen‹ werde. Wenn ich mir auch nicht vorstellen kann, in welchen Zustand hinein. Und Wunder müssen dem vorhergehen, denke ich mir immer.

›Hast du denn schon welche erlebt, daß du fortwährend darauf wartest?‹ fragten mich oft meine Freundinnen, und wenn ich verneinte, wurden sie plötzlich froh und siegesgewiß. Sagen Sie, Herr Pernath, können Sie solche Herzen verstehen? Daß ich doch Wunder erlebt habe, wenn auch nur kleine, – winzig kleine –«, – Mirjams Augen glänzten, – »wollte ich ihnen nicht verraten, – – –«

Ich hörte, wie Freudentränen ihre Stimme fast erstickten.

»– aber Sie werden mich verstehen: oft, Wochen, ja Monate«, – Mirjam wurde ganz leise – »haben wir nur von Wundern gelebt. Wenn gar kein Brot mehr im Hause war, aber auch nicht ein Bissen mehr, dann wußte ich: jetzt ist die Stunde da! – Und dann saß ich hier und wartete und wartete, bis ich vor Herzklopfen kaum mehr atmen konnte. Und – und dann, wenn's mich plötzlich zog, lief ich hinunter und kreuz und quer durch die Straßen, so rasch ich konnte, um rechtzeitig wieder im Hause zu sein, ehe mein Vater heimkam. Und – und jedesmal fand ich Geld. Einmal mehr, einmal weniger, aber immer soviel, daß ich das Nötigste einkaufen konnte. Oft lag ein Gulden mitten auf der Straße; ich sah ihn von weitem blitzen und die Leute traten darauf, rutschten aus darüber, aber keiner bemerkte ihn. – Das machte mich zuweilen so übermütig, daß ich gar nicht erst ausging, sondern nebenan in der Küche den Boden durchsuchte wie ein Kind, ob nicht Geld oder Brot vom Himmel gefallen sei.«

– Ein Gedanke schoß mir durch den Kopf, und ich mußte aus Freude darüber lächeln. –

Sie sah es.

»Lachen Sie nicht, Herr Pernath«, flehte sie. »Glauben Sie mir, ich weiß, daß diese Wunder wachsen werden und daß sie eines Tages –«

Ich beruhigte sie: »Aber ich lache doch nicht, Mirjam! Was denken Sie denn! Ich bin unendlich glücklich, daß Sie nicht sind wie die andern, die hinter jeder Wirkung die gewohnte Ursache suchen und bocken, wenn's – wir rufen in solchen Fallen: Gott sei Dank! – einmal anders kommt.«

Sie streckte mir die Hand hin:

»Und nicht wahr, Sie werden nie mehr sagen, Herr Pernath, daß Sie mir – oder uns – helfen wollen? Jetzt, wo Sie wissen, daß Sie mir die Möglichkeit, ein Wunder zu erleben, rauben würden, wenn Sie es täten?«

Ich versprach es. Aber im Herzen machte ich einen Vorbehalt.

Da ging die Tür und Hillel trat ein.

Mirjam umarmte ihn; und er begrüßte mich. Herzlich und voll Freundschaft, aber wieder mit dem kühlen »Sie«.

Auch schien etwas wie leise Müdigkeit oder Unsicherheit auf ihm zu lasten. – Oder irrte ich mich?

Vielleicht kam es nur von der Dämmerung, die in der Stube lag.

»Sie sind gewiß hier, mich um Rat zu fragen«, fing er an, als Mirjam uns allein gelassen hatte, »in der Sache, die die fremde Dame betrifft – –?«

Ich wollte ihn verwundert unterbrechen, aber er fiel mir in die Rede:

»Ich weiß es von dem Studenten Charousek. Ich sprach ihn auf der Gasse an, weil er mir merkwürdig verändert vorkam. Er hat mir alles erzählt. In der Überfülle seines Herzens. Auch, daß – Sie ihm Geld geschenkt haben.« Er sah mich durchdringend an und betonte jedes seiner Worte auf höchst seltsame Weise, aber ich verstand nicht, was er damit wollte:

»Gewiß, es hat dadurch ein paar Tropfen Glück mehr vom Himmel geregnet – und – und in diesem – Fall hat's vielleicht auch nicht geschadet, aber –,« er dachte eine Weile nach, – »aber manchmal schafft man sich und anderen nur Leid damit. Gar so leicht ist das Helfen nicht, wie Sie denken, mein lieber Freund! Da wäre es sehr, sehr einfach, die Welt zu erlösen. – Oder glauben Sie nicht?«

»Geben Sie denn nicht auch den Armen? Oft alles, was Sie besitzen, Hillel?«, fragte ich.

Er schüttelte lächelnd den Kopf: »Mir scheint, Sie sind über Nacht ein Talmudist geworden, daß Sie eine Frage wieder mit einer Frage beantworten. Da ist freilich schwer streiten.«

Er hielt inne, als ob ich darauf antworten sollte, aber wiederum verstand ich nicht, worauf er eigentlich wartete.

»Übrigens, um zu dem Thema zurückzukommen«, fuhr er in verändertem Tone fort, »ich glaube nicht, daß Ihrem Schützling – ich meine die Dame – augenblicklich Gefahr droht. Lassen Sie die Dinge an sich herantreten. Es heißt zwar: ›der kluge Mann baut vor‹, aber der Klügere, scheint mir, wartet ab und ist auf alles gefaßt. Vielleicht ergibt sich die Gelegenheit, daß Aaron Wassertrum mit mir zusammentrifft, aber das muß dann von ihm ausgehen, – ich tue keinen Schritt, er muß herüberkommen. Ob zu Ihnen oder zu mir, ist gleichgültig – und dann will ich mit ihm reden. An ihm wird's sein, sich zu entscheiden, ob er meinen Rat befolgen will oder nicht. Ich wasche meine Hände in Unschuld.«

Ich versuchte ängstlich in seinem Gesicht zu lesen. So kalt und eigentümlich drohend hatte er noch nie gesprochen. Aber hinter diesem schwarzen, tiefliegenden Auge schlief ein Abgrund.

»Es ist wie eine Glaswand zwischen ihm und uns«, fielen mir Mirjams Worte ein.

Ich konnte ihm nur wortlos die Hand drücken und – gehen.

Er begleitete mich bis vor die Türe und, als ich die Treppe hinaufging und mich noch einmal umdrehte, sah ich, daß er stehen geblieben war und mir freundlich nachwinkte, aber wie jemand, der noch gern etwas sagen möchte und nicht kann.

Angst

Ich hatte die Absicht, mir Mantel und Stock zu holen und in die kleine Wirtsstube »Zum alten Ungelt« essen zu gehen, wo allabendlich Zwakh, Vrieslander und Prokop bis spät in die Nacht beisammen saßen und einander verrückte Geschichten erzählten; aber kaum betrat ich mein Zimmer, da fiel der Vorsatz von mir ab, – wie wenn mir Hände ein Tuch oder sonst etwas, was ich am Leibe getragen, abgerissen hätten.

Es lag eine Spannung in der Luft, über die ich mir keine Rechenschaft geben konnte, die aber trotzdem vorhanden war wie etwas Greifbares und sich im Verlauf weniger Sekunden derart heftig auf mich übertrug, daß ich vor Unruhe anfangs kaum wußte, was ich zuerst tun sollte: Licht anzünden, hinter mir abschließen, mich niedersetzen oder auf und ab gehen.

Hatte sich jemand in meiner Abwesenheit eingeschlichen und versteckt? War's die Angst eines Menschen vor dem Gesehenwerden, die mich ansteckte? War Wassertrum vielleicht hier?

Ich griff hinter die Gardinen, öffnete den Schrank, tat einen Blick ins Nebenzimmer: – niemand.

Auch die Kassette stand unverrückt an ihrem Platz.

Ob es nicht am besten war, ich verbrannte die Briefe kurz entschlossen, um ein für allemal die Sorge um sie los zu sein?

Schon suchte ich nach dem Schlüssel in meiner Westentasche – aber mußte es denn jetzt geschehen? Es blieb mir doch Zeit genug bis morgen früh.

Erst Licht machen!

Ich konnte die Streichhölzer nicht finden.

War die Tür abgesperrt? – Ich ging ein paar Schritte zurück. Blieb wieder stehen.

Warum mit einemmal die Angst?

Ich wollte mir Vorwürfe machen, daß ich feig sei: – die Gedanken blieben stecken. Mitten im Satz.

Eine wahnwitzige Idee überfiel mich plötzlich: rasch, rasch auf den Tisch steigen, einen Sessel packen und zu mir hinaufziehen und »dem« den Schädel damit von oben herab einschlagen, das da auf dem Boden herumkroch, – – wenn – wenn es in die Nähe kam.

»Es ist doch niemand hier,« sagte ich mir laut und ärgerlich vor, »hast du dich denn je im Leben gefürchtet?«

Es half nichts. Die Luft, die ich einatmete, wurde dünn und schneidend wie Äther.

Wenn ich irgendetwas gesehen hätte: das Gräßlichste, was man sich vorstellen kann, – im Nu wäre die Furcht von mir gewichen.

Es kam nichts.

Ich bohrte meine Augen in alle Winkel:

Nichts.

Überall lauter wohlbekannte Dinge: Möbel, Truhen, die Lampe, das Bild, die Wanduhr – leblose, alte, treue Freunde.

Ich hoffte, sie würden sich vor meinen Blicken verändern und mir Grund geben, eine Sinnestäuschung als Ursache für das würgende Angstgefühl in mir zu finden.

Auch das nicht. – Sie blieben ihrer Form starr getreu. Viel zu starr für das herrschende Halbdunkel, als daß es natürlich gewesen wäre.

»Sie stehen unter demselben Zwang wie du selbst«, fühlte ich. »Sie trauen sich nicht, auch nur die leiseste Bewegung zu machen.«

Warum tickt die Wanduhr nicht? –

Das Lauern ringsum trank jeden Laut.

Ich rüttelte am Tisch und wunderte mich, daß ich das Geräusch hören konnte.

Wenn doch wenigstens der Wind ums Haus pfiffe! – Nicht einmal das! Oder das Holz im Ofen aufknallen wollte: – das Feuer war erloschen.

Und immerwährend dasselbe entsetzliche Lauern in der Luft – pausenlos, lückenlos, wie das Rinnen von Wasser.

Dieses vergebliche Auf-dem-Sprung-stehen aller meiner Sinne! Ich verzweifelte daran, es je überdauern zu können. – Der Raum voll Augen, die ich nicht sehen, – voll von planlos wandernden Händen, die ich nicht greifen konnte.

»Es ist das Entsetzen, das sich aus sich selbst gebiert, die lähmende Schrecknis des unfaßbaren Nicht-Etwas, das keine Form hat und unserm Denken die Grenzen zerfrißt«, begriff ich dumpf.

Ich stellte mich steif hin und wartete.

Wartete wohl eine Viertelstunde: vielleicht ließ »es« sich verleiten und schlich von rückwärts an mich heran – und ich konnte es ertappen?!

Mit einem Ruck fuhr ich herum: wieder nichts.

Dasselbe markverzehrende »Nichts«, das nicht war und doch das Zimmer mit seinem grausigen Leben erfüllte.

Wenn ich hinausliefe? Was hinderte mich?

»Es würde mit mir gehen«, wußte ich sofort mit unabweisbarer Sicherheit. Auch, daß es mir nichts nützen könnte, wenn ich Licht machte, sah ich ein, – dennoch suchte ich so lange nach dem Feuerzeug, bis ich es gefunden hatte.

Aber der Kerzendocht wollte nicht brennen und kam lang aus dem Glimmen nicht heraus: die kleine Flamme konnte nicht leben und nicht sterben, und als sie sich endlich doch ein schwindsüchtiges Dasein erkämpft hatte, blieb sie glanzlos wie gelbes, schmutziges Blech. Nein, da war die Dunkelheit noch besser.

Ich löschte wieder aus und warf mich angezogen übers Bett. Zählte die Schläge meines Herzens: eins, zwei, drei – vier ... bis tausend, und immer von neuem – Stunden, Tage, Wochen, wie mir schien, bis meine Lippen trocken wurden und das Haar sich mir sträubte: keine Sekunde der Erleichterung.

Auch nicht eine einzige.

Ich fing an, mir Worte vorzusagen, wie sie mir gerade auf die Zunge kamen: »Prinz«, »Baum«, »Kind«, »Buch« – und sie krampfhaft zu wiederholen, bis sie plötzlich als sinnlose, schreckhafte Laute aus barbarischer Vorzeit nackt mir gegenüberstanden, und ich mit aller Kraft nachdenken mußte, in ihre Bedeutung zurückzufinden: P–r–i–n–z? – B–u–ch?

War ich nicht schon wahnsinnig? Oder gestorben? – Ich tastete an mir herum.

Aufstehen!

Mich in den Sessel setzen!

Ich ließ mich in den Lehnstuhl fallen.

Wenn doch endlich der Tod käme!

Nur dieses blutlose, furchtbare Lauern nicht mehr fühlen! »Ich – will – nicht – ich will – nicht!«, schrie ich. »Hört ihr denn nicht?!«

Kraftlos fiel ich zurück.

Konnte es nicht fassen, daß ich immer noch lebte.

Unfähig, irgend etwas zu denken oder zu tun, stierte ich geradeaus vor mich hin.

»Weshalb er mir nur die Körner so beharrlich hinreicht?«, ebbte ein Gedanke auf mich zu, zog sich zurück und kam wieder. Zog sich zurück. Kam wieder.

Langsam wurde mir endlich klar, daß ein seltsames Wesen vor mir stand – vielleicht schon, seit ich hier saß, dagestanden hatte – und mir die Hand hinstreckte:

Ein graues, breitschultriges Geschöpf, in der Größe eines gedrungen gewachsenen Menschen, auf einen spiralförmig gedrehten Knotenstock aus weißem Holz gestützt.

Wo der Kopf hätte sitzen müssen, konnte ich nur einen Nebelballen aus fahlem Dunst unterscheiden.

Ein trüber Geruch nach Sandelholz und nassem Schiefer ging von der Erscheinung aus.

Ein Gefühl vollkommenster Wehrlosigkeit raubte mir fast die Besinnung. Was ich die ganze lange Zeit an nervenzernagender Qual mitgemacht, drängte sich jetzt zu Todesschrecken zusammen und war in diesem Wesen zur Form geronnen.

Mein Selbsterhaltungstrieb sagte mir, ich würde wahnsinnig werden vor Entsetzen und Furcht, wenn ich das Gesicht des Phantoms sehen könnte, – warnte mich davor, schrie es mir in die Ohren – und doch zog es mich wie ein Magnet, daß ich den Blick von dem fahlen Nebelballen nicht wenden konnte und darin forschte nach Augen, Nase und Mund.

Aber so sehr ich mich auch abmühte: der Dunst blieb unbeweglich. Wohl glückte es mir, Köpfe aller Art auf den Rumpf zu setzen, doch jedesmal wußte ich, daß sie nur meiner Einbildungskraft entstammten.

Sie zerrannen auch stets – fast in derselben Sekunde, in der ich sie geschaffen hatte.

Nur die Form eines ägyptischen Ibiskopfs blieb noch am längsten bestehen.

Die Umrisse des Phantoms schleierten schemenhaft in der Dunkelheit, zogen sich kaum merklich zusammen und dehnten sich wieder aus, wie unter langsamen Atemzügen, die die ganze Gestalt durchliefen, die einzige Bewegung, die zu bemerken war. Statt der Füße berührten Knochenstumpen den Boden, von denen das Fleisch – grau und blutleer – auf Spannenbreite zu wulstigen Rändern emporgezogen war.


Date: 2015-12-18; view: 140


<== previous page | next page ==>
SALON LOISITSCHEK«. 8 page | SALON LOISITSCHEK«. 10 page
doclecture.net - lectures - 2014-2018 year. Copyright infringement or personal data (0.011 sec.)